Pyramiden von Güímar

Es gibt wohl niemanden, der die Pyramiden in Ägypten und die Stufenpyramiden in Mexiko nicht kennt. Im Unterschied zu den ägyptischen Pyramiden sind die Seitenflächen bei Stufenpyramiden nicht glatt, sondern bestehen aus Stufen oder Treppen. Zahlreiche Mythen und Legenden ranken sich um diese fundamentalen historischen Bauten. Weniger bekannt sind hingegen die Pyramiden von Güímar auf der Kanareninsel Teneriffa. Diese Stufenpyramiden sind im gleichnamigen Ort, im Südosten der Insel, zu finden. Es handelt sich hierbei um sechs rechteckige, längliche, aus Lavasteinen bestehende Terrassenbauten. Sie weisen eine faszinierende Ähnlichkeit mit den Pyramiden der Azteken und Maya auf.

Über einen längeren Zeitraum stand die Vermutung im Raum, dass die Stufenpyramiden von einheimischen Bauern errichtet wurden. Diese Vorgehensweise war in früheren Zeiten auf allen Kanarischen Inseln durchaus üblich. Beim Pflügen der Felder haben die Steine gestört und wurden daher am Feldrand aufgeschichtet.

Im Jahr 1991 kam der berühmte Anthropologe und Naturforscher Thor Heyerdal auf die Insel Teneriffa. Der Forscher entdeckte, dass es sich nicht um von Bauern aufgeschichtete Steinhaufen handeln kann. Er wies nach, dass die Steine an den Ecken der Pyramiden bearbeitet wurden. Jeder Stein ist sorgfältig zugeschnitten und mit der flachen Seite nach außen ausgerichtet. Eigens konstruierte Stufen führen hinauf, auf den oberen Teil der Pyramiden. Im Gegensatz zu den runden Feldsteinen der Umgebung bestehen diese Pyramiden aus Lavagestein. Außerdem stellte Thor Heyerdal fest, dass der Bau der Pyramiden nach astronomischen Gesetzmäßigkeiten erfolgte. Von der Plattform der größten Pyramide kann am Tag der Sommersonnenwende der zweifache Sonnenuntergang genau beobachtet werden.

Die Pyramiden von Güímar geben nach wie vor Rätsel auf. So konnte bislang kein Wissenschaftler das Alter der Pyramiden herausfinden. Auch die Frage, wer diese erbaut hat, blieb unbeantwortet. Nach einem der ältesten überlieferten Berichte des Historikers Plinius, um 600 v. Chr., seien die Kanaren zwar unbewohnt gewesen, hätten aber Ruinen großer Bauwerke aufgewiesen. Thor Heyerdal vertrat die Hypothese, dass die Kanaren im Altertum in den damals bestehenden Schiffsverkehr zwischen dem Mittelmeerraum und Amerika eingebunden waren. Tatsächlich führt eine der Schiffsrouten zwischen beiden Kontinenten direkt an den Kanarischen Inseln vorbei. Immerhin hat Thor Heyerdal 1970 mit seiner Segeltour auf dem auf dem Papyrusboot Ra II von Marokko nach Barbados den Beweis erbracht, dass ein Schiffsverkehr in der Antike möglich war.

Heute können Besucher der Insel Teneriffa den Mysterien der Geschichte der Pyramiden von Güímar auf dem 65.000 Quadratmeter großem Areal nachgehen. Neben den Pyramiden werden in zwei Pavillons die Theorien und Entdeckungen Thor Heyerdals näher erläutert. Ein Nachbau der Ra II, in Originalgröße, kann ebenfalls besichtigt werden.